Autor: PharmaFlash

Zig Millionen Euro, Zig Millionen Klicks

Die RTL Gruppe übernimmt durch ihre Vermarkter-Tochter IP-Deutschland das Vertical Content Network Netzathleten Media. Erst vor zwei Monaten berichtete PharmaFlash über das (damals?) weithin doch noch eher unbekannte Netzwerk. Die Überzeugung, dass dort gute Arbeit mit erfreulichen Zukunftsaussichten gemacht wird, hat RTL motiviert, 20 Millionen Euro (nach Branchengerüchten) für die 100% Anteile zu investieren.
Die Netzathleten vermarkten Angebote u.a. aus den Bereichen, Ernährung, Sport und Gesundheit (GesünderNet). Hierzu zählen z.B. imedo.de, med1.de, sanego.de und medizinfo.de. Die Zahl der UniqeUser (5,7 Millionen im März dieses Jahres laut AGOF) übertrifft Angebote wie netdoktor.de oder onmeda.de.

Ahnungslos zwischen Wissen und Glauben

Anfang August erschien in der Süddeutschen Zeitung ein lesenswerter, wenn auch wegen seiner Komplexität schwierig zu verstehender Beitrag: „Zwischen Wissen und Glaube, der ahnungslose Patient.“ Doch gleich vorweg, er hält nicht, was die Überschrift verspricht. Der Autor Gerd Antes, Direktor des Deutschen Cochrane-Zentrum in Freiburg, schlägt in die bekannten Kerben, z.B.: Relevantes ist nur auf Englisch zu finden, es fehlt der Wissenstransfer nach Deutschland, nur ein Bruchteil der Studien wird erfasst etc. Und der Patient findet im Internet neben gefährlichen Falschinformationen auch keine Trennung zwischen Fakten, Spekulation, Esoterik und (Aber-)Glauben.
Tradition und Erfahrung werden mit gesicherten Standards verwechselt oder gleichgesetzt. Eine Folge ist, dass die Beschaffung verlässlicher Information fast unmöglich ist, für Fachleute wie Patienten. Es bedarf eines aufwendigen Rücktransfers von Wissen (Knowledge Translation) – zufällig genau das, was Cochrane macht.
Doch der Ansatz von Antes verkennt die Situation: Es geht eben nicht darum, „die für mein Problem relevanten Studien zu finden“, wie er meint. Das interessiert 99% der Patienten mit medizinischen Alltagsproblemen gar nicht. Sie suchen im Internet nach dem geeigneten Behandler in der Nähe oder Erfahrungsberichte von Mitbetroffenen. An einer wissenschaftlichen Bewertung der Informationen sind sie nicht interessiert und wären damit vermutlich überfordert (das sind schließlich sogar viele Fachleute).

Der Shop brummt

Man findet doch immer noch was interessantes beim Surfen. Zum Beispiel
hier die Top-100 der deutschen Shopping-Portale. Nicht mehr ganz neu, aber lesenswert. Auf dem ersten Platz nicht überraschend steht amazon.de mit einem e-Commerce-Umsatz von 1,8 Milliarden Euro, auf Platz sechs der Musikversender thomann.de (war mir vorher unbekannt).
Auf Platz 11 folgt der erste „Shop“ aus der Gesundheitsbranche, docmorris.de (250 Millionen Euro) immerhin vor dell.de oder den Textilern hm.com und esprit.de.
Bemerkenswert: auf Platz 28 sanicare.de (130 Millionen), der nächste Mediziner/Apotheker. Dieser setzt die Hälfte von docmorris um, liegt aber noch vor so illustren Namen wie tchibo.de, qvc.de, hse24.de oder ikea.de. Sanicare ist damit auch der weitaus umsatzstärkste Shop eines Einzelunternehmers (hier Apotheker).
Die nächste „Online-Apotheke“ erscheint auf Platz 73. Die deutscheinternetapotheke.de erlöste 32 Millionen Euro, also ca. ein Viertel des Branchenprimus. mwdental.de, Anbieter für Zahnarztbedarf schafft es gerade noch in die Liste (Platz 93, 7,5 Millionen), shop-doccheck.de liegt mit 3,1 Millionen Umsatz auf Platz 105.

Online-Potenzial liegt brach. Aber welches?

Vor einigen Tagen stellte die Frankfurter Kommunikationsagentur MSL die Ergebnisse ihrer repräsentativen Untersuchung zum Informationsverhalten zur Gesundheit vor. Die Daten wurden zusammen mit dem Marktforschungsinstitut SKOPOS ausgewertet, Einzelheiten stehen unter www.virtuelles-wartezimmer.de
bereit.
Es wurde herausgefunden, dass 41 Prozent der Online-Bevölkerung (also nicht der gesamten bundesdeutschen Wohnbevölkerung) sich vor einem Arztbesuch im Netz informieren, 31 Prozent danach. Insgesamt sind gesetzlich etwas online-affiner als privat Versicherte. Anonyme Foren spielen eine deutlich wichtigere Rolle als Facebook oder Twitter. Weitere Schlaglichter: Das Gesundheitsnetz ist weiblich, die Tools sind aber männlich; Das Internet wird zum Gesundheitsberater.
Während diesen beiden Statements kaum widersprochen werden kann, sind die beiden folgenden Punkte der Studie zu hinterfragen: „Patient-generated content“: Potenzial bleibt weitgehend ungenutzt; Ärzte und Apotheker müssen sich stärker digitalisieren.
Was bedeutet aber „stärker digitalisieren“? Mehr Homepages bzw. dort mehr Inhalte oder Interaktion? Mehr Präsenz von Heilberuflern (unter ihrem Klarnamen?) in anonymen Foren oder Facebook? Da stellt sich doch die Frage, wie das im Praxisalltag aussehen soll, ob das überhaupt gewünscht wird und wer das wann in den Praxen und Apotheken denn machen soll. Und der „Patient-generated content“? Solange die Ärzte den nur als meist wenig erfreuliche Online-Bewertung ihrer Tätigkeit wahrnehmen, wird hier kein Nutzen erkennbar.

Ultraschall-Tombola? Auch der Arzt darf werben

Das Karlsruher Bundesverfassungsgericht als letzte Instanz hat entschieden: Auch Ärzte und Zahnärzte dürfen gewerbliche Werbemethoden nutzen. Der Fall (vereinfacht, Einzelheiten hier):
Ein Zahnarzt hatte im Rahmen einer Gesundheitsmesse Gutscheine für Bleaching, Zahnreinigung, Ratgeber und Zahnbürsten verlost. Die Standesgerichte hatten ihn daraufhin verurteilt. Das höchste Gericht kassierte diese Entscheidungen jetzt als verfassungswidrig (Beschlüsse vom 1. Juni 2011 – 1 BvR 233/10 und 235/10). Zitat: „Welche Werbeformen als sachlich und übertrieben bewertet werden, unterliegt zeitbedingten Veränderungen … Allein daraus, dass eine Berufsgruppe ihre Werbung anders als bisher üblich gestaltet, folgt nicht, dass das nunmehrige geänderte Vorgehen berufswidrig wäre.… eine Verlosung ist als solche mithin noch nicht berufswidrig …“
In der Begründung geht es sinngemäß weiter, und das ist jetzt der Clou dieser hochinteressanten Entscheidung, es muss sich um eine nützliche und die Zahngesundheit fördernde Leistung handeln, deren Erbringung für den Patienten mit keinen nennenswerten gesundheitlichen Risiken verbunden ist.
Der letzte Punkt könnte nach nichtjuristischer Meinung von PharmaFlash aber bedeuten, dass z.B. Internisten beim nächsten Straßenfest eine Tombola mit kostenlosen Abdomen-Ultraschall, Hautärzte einen Melanom-Check oder Psychiater eine Burn-Out-Fragestunde anbieten können. Alle nichtinvasiven diagnostischen Maßnahmen dürften ja „keine nennenswerten gesundheitlichen Risiken“ besitzen. Ob das allerdings sinnvoll oder beabsichtigt ist, steht auf einem anderen Blatt – so oder so, neue Ideen sind denkbar und werden früher oder später gestartet.

Offizielles Gesundheitsportal

Vor einigen Tagen ging das „Verbraucherportal www.aponet.de im neuen Look“ online. Nach eigenen Angaben des Herausgebers ABDA erwarten den Nutzer mehr als 1.300 informative Seiten. Der Autor dieser Zeilen hat sich selbst ein Bild gemacht. Service wie Apotheken- und Notdienstfinder sind selbstverständlich. Die Anzeigen bewerben in großer Zahl das ABDA-Organ „Neue Apotheken Illustrierte“. In der Liste der häufigsten Krankheiten werden Zusammenfassungen aus anerkannten Lehrbüchern geboten. Erstaunlich die Arzneimitteldatenbank: auf eine Anfrage nach ASS werden 308 Einträge, säuberlich nach Hersteller und Packungsgröße sortiert, angezeigt. Die Eingabe des rezeptpflichtigen „Ciprofloxacin“ listet 99 Anbieter. Weniger zielführend dagegen auf einem Apothekenangebot – und von den meisten Kunden wohl hier so nicht erwartet – der große Block „Rezepte“ (nicht Pharma, sondern Kochen).
Das Fazit: aponet ist durchaus sehenswert mit Stärken und Schwächen; Konzeption und Umsetzung lagen bei der Kölner Agentur grintsch communications, die u. a. Kunden wie Bayer, Berlin Chemie oder Henkel bedient.